Sieh genauer hin!

Sieh Dir das Bild oben mit den zwei Farbfeldern und zwei Kreuzen an. Welche Farbe haben die beiden Kreuze? Würdest Du glauben, wenn ich Dir sage, dass beide Kreuze dieselbe Farbe haben? 

In der Mitte oben kannst Du entdecken, wie die Kreuze ineinander laufen und an der Stelle des Übergangs kann man erkennen, dass die Farbe beider Kreuze in der Tat identisch ist. 

Was passiert ist, dass das Gehirn vor dem Hintergrund unterschiedlicher Farbfelder die Farbe der Kreuze für uns anpasst, verändert, so dass es so wirkt, als hätten wir es mit unterschiedlichen Farben zu tun. 

Dieses Phänomen lässt sich auch auf andere Wahrnehmungen übertragen, auch im Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Köche wissen, dass die Abstimmung von Gewürzen eine wahre Kunst ist, denn jedes Gericht schmeckt vor dem Hintergrund bestimmter Gewürze völlig unterschiedlich. 

Und auch Lebenssituationen wirken je nach Kontext, in dem sie stattfinden manchmal völlig unterschiedlich, obwohl sie sich in Wirklichkeit ähneln und andersherum können verschiedene Situationen für uns gleich wirken, obwohl sie ganz unterschiedlich sind. 

Hast Du das auch schonmal gehabt, dass Du gesagt hast: „Nicht schon wieder!“ oder „der schon wieder“ oder „immer mach ich …“

Dabei können wir mit Fug und Recht behaupten, dass jede Situation neu ist und sich von allen anderen unterscheidet. Es scheinen sich nur bestimmte Gefühle oder Interpretationen zu wiederholen. In Wirklichkeit sind die Gefühle aber viel stärker von der Einstellung unseres Nervensystem und inneren Filtermechanismen abhängig als wir denken. 

Dies erklärt auch das Phänomen der sogenannten „Change Blindness“, also „Veränderungsblindheit“. Denn häufig durchlaufen wir starke Veränderung und machen Fortschritte auf einem Gebiet, doch unser Nervensystem gaukelt uns vor, wir hätten gar keine Fortschritte gemacht. Manchmal sorgt diese Veränderungsblindheit dann auch dafür, dass wir uns entmutigen lassen, besonders wenn wir von außen anscheinend keine Zustimmung, kein Lob, keine Wertschätzung bekommen. Der Trick ist also zu wissen, dass wir manchmal nur einfach blind für die Zustimmung, das Lob die Wertschätzung sind, die wir uns wünschen. Wir können aber lernen, uns dafür zu öffnen, indem wir achtsam unsere eigenen Filtermechanismen beobachten. Wenn Du Dir also das nächste mal sagst: „Das war daneben“, „das hat ja überhaupt nicht geklappt“, „was für eine Pleite“ oder „das hat ja eh keinen Sinn“, halte kurz inne und beobachte die innere Stimme oder den Gedanken, der Dir da jeden Mut nimmt. Und nimm ihn als das wahr: Als Gedanke, der mutlos macht. Und schon bist Du diesem Gedanken nicht mehr machtlos ausgeliefert. Du kannst den Gedanken bewusst festhalten, und dann bemerken, dass da Raum entsteht für neue Gedanken, neue Ideen und Erkenntnisse in Bezug auf die Situation, um die es gerade geht. Und ganz besonders das Gefühl wird sich verändern. Mit der Zeit wirst Du eine ganz neue Einstellung zu der Situation an den Tag legen, sie meistern und schließlich als Gewinn abspeichern. Das mag ein Prozess sein, der mit manchem Situationen etwas dauert. Doch je mehr Du Dich darin übst, Deiner eigenen Veränderungsblindheit achtsam zu begegnen, desto einfach und schneller wirst Du neue Einstellungen auch für schwierige Situationen finden und schließlich bemerken, dass sich Deine Einstellung zum Leben insgesamt positiv verändert hat. 

Der Spiegel schrieb in eine Artikel von 2005 über Veränderungsblindheit. Eigentlich seltsam, dass so viele Menschen, darunter auch Ärzte, Therapeuten und Coaches, nicht direkt damit arbeiten. Es würde ihnen und auch den Klienten und Patienten viel Zeit und Mühe ersparen.

Spiegelartikel von 2005 zum Thema Veränderungsblindheit

 

4 Kommentare werden angezeigt
  • Elfriede
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    Lieber Karsten,
    Deine Übung mit den Farbfeldern zeigt noch mal, wie die eigene Wahrnehmung sehr subjektiv gefärbt ist und uns Illusionen, wie bei der Farbtafel, zu bestimmten “Weltansichten”, zu eigenen Wahrheiten führt. Das Experiment mit den Farbtafeln hat mich inspiriert, mich mit dem Thema Wahrheit und Illusionen zu beschäftigen, auch mit den eigenen.
    Meiner Erfahrung nach in Bezug auf Veränderungsblindheit, erlebe ich, dass es häufige Wiederholungen braucht, bis sich ein neues Handlungsmuster etabliert hat. Andererseits sehe ich traumatische Erfahrungen, die manchmal einen positiven Umgang mit sich selbst verhindern. Und als Körpertherapeutin erlebe ich, dass bei einem Teil der Menschen eine jahrelange Therapie nur bedingt hilft, diese einschränkenden Muster zu verändern.
    Es ist nur schwer zu verstehen, das ein positives, freudiges Gefühl, “ich habe etwas geschafft”, auf der Körperebene Stress erzeugen kann. Alte traumatische Erlebnisse können aktiviert werden. Das fühlt sich teilweise sehr bedrohlich an. Ich wünsche mir, dass es mehr Verständnis und einen besseren Umgang damit gibt.
    Dir einen guten Rutsch ins Neue Jahr wünscht Elfriede

    • Karsten Küstner
      Antworten

      Liebe Elfriede, der Trick bei der Veränderung besteht darin genau zu unterscheiden, was ein positives Gefühl ist und was ein Gedanke ist (der manchmal nur vermeintlich positiv sein kann). Ein positives Gefühl ist unmittelbar, nicht zu leugnen. Manchmal schleichen sich Gedanken ein, die sich als Gefühl ausgeben. Wir DENKEN dann, anstatt zu FÜHLEN. Das Mittel der Hypnose ist ein Weg, die häufig schnelle Abfolge von Gedanken und Gefühlen zu verlangsamen, um Klarheit zu erlangen. In diesem Sinn wünsche ich Dir einen wundervollen neuen Tag!

  • Manfred Sailer
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    Lieber Karsten,
    irgendjemand hat mal gesagt, dass jede Kultur auf einer gewissen Anzahl unbegründeter Annahmen beruht.
    Dann wird man als Kind auf diese Annahmen geeicht, wird konditioniert durch fragwürdige bis selbstschädigende Glaubenssätze. Dann kommen die daraus resultierenden Gedanken und veranlassen spezielle Drüsen spezielle Botenstoffe auszuschütten und der Körper will den gewohnten “Hormoncocktail” immer wieder haben, ob er ihm schmeckt oder nicht, Hauptsache er ist ihm vertraut.
    Und ja, das Gehirn bekommt Input von den Sinnesorganen und es interpretiert und hat Filtersysteme. Man denke nur mal daran, dass zwischen der Empfindung von Wärme auf der Haut, die durch Sonnenstrahlen über Thermorezeptoren vermittelt wird und der Wahrnehmung beispielsweise der Farbe “grün” über die optischen Sensoren des Auges keinerlei Unterschied besteht außer der Wellenlänge des Lichts, das die betreffenden Rezeptoren jeweils herausfiltern können.
    Aber wir können unsere Gedanken ja beobachten, wie du schreibst. Gedanken mögen das ja ohnehin nicht und als Beobachter hat man ja eine gewisse Distanz zu sich selbst und kann erkennen, dass der Gedanke eben nur ein Gedanke ist, zum Beispiel ein “mutloser”, einer von ca. 60.000 Gedanken am Tag. Ein Gedanke der einem nicht gut tut und nicht die Wahrheit. Das ist immerhin möglich und es kann einem gelingen der Veränderungsblindheit effizient entgegenzuwirken. Ich mache oft Übungen das Gedankenkarusell zum Stoppen zu bringen. Von Tolle habe ich mal gelernt mich nicht mehr aufzuregen, wenn ich lange an einer roten Ampel stehen muss, sondern still zu werden und einfach die Ampel betrachten ohne Wertung, mit Akzeptanz eben. Heute stehe ich gerne vor roten Ampeln, mag ihr Licht irgendwie und bin dann für eine gewisse Zeit ohne Gedanken. Kein Witz, ich empfinde rote Ampeln mittlerweile wirklich als angenehm und entspanne mich dabei, wenn ich Auto fahre.

    Ich wünsche dir Karsten ein gesegnetes Jahr 2019
    Manfred

    • Karsten Küstner
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      Das sind schöne Beobachtungen, lieber Manfred! Und die Übung mit den roten Ampeln ist ein weiterer Weg, das Karussel zu verlangsamen oder zumindest die Beobachtungshaltung anzuschalten. Du schreibst genau von dem, was ich auch als Antwort auf Elfriede’s Kommentar geschrieben habe. Vielen Dank dafür und auch Dir und allen anderen Lesern einen wundervollen neuen Tag!

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